Tag des Artenschutzes
Der Mensch betrachtet die Welt, auf der er lebt, allzu gerne von außen und sieht sie als eine Art Vorratskammer, einen Ressourcenraum, in den er hineingreift, sobald er etwas benötigt. Diese Sichtweise rührt daher, weil wir uns durch Beton und Errungenschaften den Blick auf die Realität verbaut haben.
Auch wenn bereits hier mancher Leser die Augen verdreht - wir sind nur ein Teil des
Ganzen. Wir sind Teil eines komplexen Ökosystems. Dies zu verstehen ist entscheidend, denn ein Ökosystem funktioniert wie ein Superorganismus. Und jeder Organismus ist anfällig für Krankheiten, sobald äußere Einflüsse zu viel Stress erzeugen.
Wenn wir endlich akzeptieren, dass wir nur eine Komponente dieses Superorganismus sind, können wir einem, wie es der deutsche Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht in seinem Buch „Das stille Sterben der Natur“ ausdrückt: „multiplem Organversagen“ entgegensteuern. (1)
Zwar mögen wir trotz Gewässerverunreinigungen – metaphorisch gesprochen, mit nur einer Niere überleben.
Vielleicht können wir trotz Waldrodung und der daraus resultierenden schlechteren Luftqualität auskommen, aber wir schädigen damit die Lunge. Und da wir uns gern als das Herzstück dieser Welt sehen, sollten wir gerade deshalb bedenken: Bei einem multiplen Organversagen hört letztlich auch das Herz auf zu schlagen.
Wer an den Rückgang der Artenvielfalt denkt, hat oft nur die saubere Windschutzscheibe oder das Aussterben der Honigbiene vor Augen. Wer glaubt, fehlendes Obst ließe sich einfach durch künstlichen Ersatz (Supplementierung) kompensieren, greift jedoch zu kurz. Der Verlust an Biodiversität gleicht einer Amputation am Superorganismus.
Wir sind ein integraler Teil dieses Systems und dies wird spätestens dann deutlich, wenn Zoonosen zunehmen. Ein intaktes Ökosystem wirkt durch den sogenannten „Verdünnungseffekt“ wie ein Schutzschild: Eine hohe Artenvielfalt bietet zahlreiche „Sackgassenwirte“, die eine Ausbreitung von Erregern bremsen. Verschwinden diese Spezialisten, bleiben vor allem Generalisten wie Ratten, Mäuse, Mücken und Zecken zurück. Diese sind oft auch Kulturfolger und dem Menschen somit besonders nah.
Solche Arten sind ideale Wirte für Viren, die durch Mutationen schließlich auch den Menschen befallen. Ohne natürliche Fressfeinde steigt das Risiko drastisch: Weniger Mäusejäger bedeuten mehr Hantaviren, weniger natürliche Feinde von Zecken und Mücken führen zu einer Häufung von Borreliose, West-Nil- oder Zika-Infektionen und so weiter. Gegen diese biologische Dynamik
hilft letztlich auch keine industrielle Pille.
Der Artenschutz spielt zudem aus einem anderen Grund eine weitere wichtige Rolle!
Der Klimawandel selbst kann nur schwer geleugnet werden, auch wenn dabei hitzige Debatten bei der Frage nach der Ursache entstehen. Es ist jedoch völlig egal, ob wir ihn verursachen, oder ob er auf natürliche Weise entsteht. Das bekannte „2 Grad Ziel“ werden wir nicht erreichen. Deshalb ist es umso wichtiger Arten zu erhalten - denn Artenschutz bedeutet Lebensraumschutz!
Ein Ökosystem, welches reich an Vielfalt ist, ist widerstandsfähig und robust. Wenn wir die klimatischen Veränderungen nicht vollständig aufhalten können, hilft uns jedoch eine intakte Natur dabei, die Folgen extremer Wetterereignissee abzufedern.
Artenschutz ist also keine Träumerei von verkappten Naturschützern, sondern ein Baustein für den künftigen menschlichen Wohlstand und seiner Gesundheit.
Text: Jens Hörig, veröffentlicht am: 03.03.2026
Quelle:
(1) Das stille Sterben der Natur/Matthias Glaubrecht/ S. 38