Erneut Pinching-Off-Syndrom, bei jungen Seeadlern im Landkreis Leipzig
Bereits im letzten Jahr wurden zwei junge Seeadler aufgrund des Pinching-Off Syndroms euthanasiert, nachdem sie fast einen Monat am Waldboden ihr Dasein fristeten. Für alle Artenschützer und Seeadlerbetreuer war dies ein sehr schmerzliches Ereignis.
Leider gibt es für die betroffenen Tiere keine Alternative, da es sich bei der Erkrankung um einen nicht regenerierbaren Gefiederschaden handelt und die Jungtiere niemals ihre Flugfähigkeit erlangen. Beim Pinching-Off-Syndrom, was zu Deutsch so viel wie „Abkneif-Krankheitsyndrom“ bedeutet, befindet sich der Vogel in einer Art Dauermauser, wobei immer wieder missgebildete Federn nachgeschoben werden. Hauptsächlich sind die Schwung- und Steuerfedern des Großgefieders betroffen. Die Federn sind meist auffällig kürzer als dies normalerweise der Fall ist und weisen viele Schadstellen, Grimmale und weiche Federkiele auf. Bei Laboruntersuchungen wurden zudem erhöhte Kreatin-Auflagerungen nachgewiesen.
Im Landkreis Leipzig gibt es aktuell fünf bestätigte Seeadler-Brutpaare. Eines der Paare hat sich im Jahr 2020, nach einem Partnertausch neu gefunden - ab da hatte das reviertreue Seeadler-Männchen ein neues Weibchen an seiner Seite. Der Naturschützer und Naturfotograf W. Baisch hatte einen Markierungsring des Weibchens, auf einer von ihm gemachten Fotografie ablesen können und konnte so gemeinsam mit den Seeadlerbetreuern S. Ulbrich und M. Volpert feststellen, dass ein Partnertausch stattgefunden haben muss. In den beiden Folgejahren zogen die Altvögel jedes Jahr zwei Jungtiere bis ins Ästlingsalter groß. Doch alle vier Jungadler waren vom Pinching-Off-Syndrom betroffen und hatten erhebliche Gefiederschäden.
Warum ist das so?
Über das Pinching-Off Syndrom, kurz POS ist wenig bekannt und es gibt kaum Studien über die seltene Krankheit, welche vorwiegend bei Seeadlern vorkommt. Durch Recherchen konnten lediglich zwei Fälle gefunden werden, bei denen auch andere Arten an POS erkrankt sein sollten. In einem Fall berichtet der Tierarzt, Falkner und Buchautor Manfred Heidenreich in seinem Buch „Greifvögel – Krankheiten – Haltung – Zucht“, von zwei Mönchsgeiern die an POS leiden und deshalb seit vielen Jahren in einer spanischen Pflegestation gehalten werden. Dieser Fall wurde durch eine Studienveröffentlichung von - 1 Müller ET Al. (2007) – bekannt.
In der Veröffentlichung werden weiterhin 32 Fälle bei Seeadlern aus Europa beschrieben, die zwischen 1975 und 2006 dokumentiert wurden. Allein in Deutschland wurden in diesem Zeitraum 17 Fälle bekannt. Gleichzeitig wurden dabei vier betroffene Jungvögel pathologisch untersucht.
Viren, Pilze, Bakterien sowie Umweltgifte konnten dabei nicht als Ursache verantwortlich gemacht werden. Gendefekte und Mangelernährung werden als mögliche Auslöser weder ausgeschlossen, noch eindeutig zugeordnet.
Im zweiten Fall beschreibt der Greifvogel- und Eulenschützer Uwe Robitzky, aus Schleswig-Holstein in den „Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 69 – 2017 – Nr. 3 / 4: 77 -82“, eine Beobachtung bei jungen Uhus aus dem Brutjahr 2014, bei dem ein Jungvogel am POS erkrankt gewesen sein soll. Hier soll sich der Uhu nach dem Wechsel des Großgefieders vollständig erholt haben und somit flugfähig gewesen sein.
Weitere Berichte über rehabilitierte Tiere konnten bei den Recherchen nicht gefunden werden.
Es gibt Gefiedererkrankungen die dem POS in der Symptomatik ähneln, aber auf eine Vireninfektion oder eine eindeutige Mangelernährung zurückzuführen sind. Anders als beim POS, sind sie meist heilbar.
Weiterhin wird berichtet, dass bei einigen Bruten gleichzeitig gesunde und erkrankte Tiere beobachtet wurden. Bei anderen Paaren sind in einem Jahr, POS erkrankte Jungvögel festgestellt wurden und im Folgejahr gab es keine pathogenen Merkmale - der Nachwuchs ist erfolgreich ausgeflogen.
In den Artikeln wird jedoch nicht beschrieben, ob bei den erhobenen Daten und Beobachtungen bekannt war, ob es in den verschiedenen Brutjahren einen Partnerwechsel bei den Altvögeln gegeben hat.
Beim Seeadlerpaar aus dem Landkreis Leipzig, sind seit der Feststellung, alle Jungvögel massiv von den Folgen des POS betroffen.
So kam es auch dieses Jahr wieder dazu, dass die Jungadler erhebliches Leid ertragen mussten, bis sie von allem Leid erlöst waren. Eines der Tiere stürzte bei den ersten Flugversuchen direkt in die Tiefe und musste sich aus meterhohem Farn bis zum nächsten Waldweg durchschlagen, damit die Altvögel es weiter versorgen konnten. Dort wurde der junge Adler von einer Spaziergängerin entdeckt.
Sie konnte sofort erkennen, um welche streng geschützte Art es sich handelte und informierte sofort die zuständige Behörde. Unmittelbar nach Eingang der Meldung, sicherte S. Möhring von der Unteren Naturschutzbehörde das Tier und brachte es in die regionale Greifvogelauffangstation.
Diese veranlasste die vorübergehende Unterbringung und den anschließenden Transport in eine Spezialklinik für Vögel. Aufgrund der massiven und nicht reparablen Schäden wurde das Tier eingeschläfert.
Nun warteten alle Beteiligten von Behörde und Betreuern, dass auch der zweite Adler bald die ersten Flugübungen absolviert. Deshalb wurde sichergestellt, dass täglich mindestens einmal ein Betreuer vor Ort war und sich ein Lagebild verschaffen konnte. Die Angst war groß, dass man den Moment verpasst und man den Vogel im Dickicht aus Farn und jungen Bäumen verliert und so die gleiche Odyssee erlebt, wie seine Geschwister ein Jahr zuvor. Als der Adler Tage später immer noch keine Anzeichen zum Verlassen des Horstes machte, entschieden die Horst Betreuer in Absprache, dass weitere Erkenntnisse mit Aufnahmen einer Drohne eingeholt werden sollten. Die dabei gemachten Bilder zeigten das der verbliebene Jungadler an einem, zu einem Strick verdrehten Netz festhing. Erkennbar war auch, dass sich die feinen Kunststofffäden des Netzes schon tief in die Haut der Ständer und Zehen des Greifs geschnitten hatten, was eine Teilamputation der Zehe und starken Schwellung des Fußes zur Folge hatte.
Aufgrund der neuen Erkenntnisse planten alle Beteiligten eine Bergung des Tieres. Mit aller erforderlichen Planung und allen Maßnahmen, sollte die Bergung, drei Tage nach den neuen Erkenntnissen durchgeführt werden.
Die darauffolgenden Tage waren von starker Hitze und Trockenheit geprägt. Ein Wetter bei dem oft viele Jungvögel ungewollt und viel zu zeitig ihr Nest verlassen. Ihnen gleich tat es auch der flugunfähige und am Netz verfangene Seeadler.
So kam es, dass der Rettungstrupp das Tier, kopfüber am Horst hängend vorfand und den Adler nur noch tot bergen konnte.
Bei anschließenden Untersuchungen, fand man im besagten Netz, die Skelettüberreste eines Waschbären. Der Vermutung nach und anhand der Spuren am Schädel wurde dieser wahrscheinlich mit einer kleinkalibrigen Waffe getötet und in jenem Kunststoffnetz entsorgt.
Die Altvögel transportierten den Waschbären samt Netz als Beutetier in den Horst, wo es zur tödlichen Falle wurde.
Dies zeigt einmal mehr, welche Konsequenzen das achtlose wegwerfen menschlicher Utensilien hat.
Aufgrund der schlechten Datenlage empfehlen die Experten, wenn möglich Blut- und Gefiederproben von erkrankten Tieren zu archivieren, um bei weiteren Studien mehr Untersuchungsmaterial zur Verfügung zu haben und so vielleicht neue Erkenntnisse über die seltene Krankheit zu erlangen.
Autor: Jens Hörig
August, 2022