Das Gefühl trügt nicht - wo sind die Turmfalken?
Regelmäßig treffen sich Naturschutzbeauftragte und -helfer gemeinsam mit Vertretern der unteren Naturschutzbehörde des Landkreis Leipzig.
Sie alle sind ehrenamtliche Naturschützer, die im Auftrag der Behörde mit bestimmten Aufgaben betraut werden, um den Erhalt des regionalen Naturschutzes zu gewährleisten. Diese können sehr vielfältig sein. Beispielweise wird in den einzelnen, regionalen Naturschutzgebieten Monitoring betrieben. Monitoring ist das Beobachten von bestimmten Tier- und Pflanzenarten unter festgelegten Richtlinien. Meist handelt es sich dabei um streng- bzw. besonders geschützte Arten wie Greifvögel, Eulen, Amphibien, Reptilien und Säugetierarten wie Wolf, Wildkatze, Biber und Luchs. Die dabei erfassten Daten können dann wichtige Hinweise liefern.
Aber auch der Gesamtzustand eines Gebietes kann so erfasst werden.
Bereits im Januar kamen die ehrenamtlichen Helfer erstmals im neuen Jahr zusammen, um sich untereinander auszutauschen.
B. Holfter ist einer dieser Personen und kann auf eine langjährige, intensive Freiwilligenarbeit zurückblicken. Er ist nicht nur Naturschutzhelfer, sondern auch Artbetreuer für Falken und Eulen. Und als zertifizierter Beringer liegt sein Schwerpunkt bei der Erfassung von Brutpaaren und deren Nachwuchs, sowie deren Kennzeichnung mit einer Identifikationsnummer. Über die auf einem Ring eingeprägten Nummern können die einzelnen Tiere bei späteren Beobachtungen wiedererkannt werden. So bekommt man Aufschluss über die Mortalitätsrate, Flugrouten und vielen weiteren Verhaltensweisen der Vögel.
Beim Austausch der erwähnten Gesprächsrunde warf B. Holfter die Frage ein, ob es anderen ebenfalls aufgefallen sei, dass es im Zeitraum Dezember 2022 und Januar 2023 verdächtig wenig Turmfalken in der Fläche zu beobachten gab – ganz im Gegensatz zum Jahreswechsel 2021/22.
Turmfalken sind die häufigste Falkenart in Deutschland.
Jens Hörig, Betreuer einer Greifvogelauffangstation teilte den Eindruck mit B. Holfter und merkte gleichzeitig an, dass im Dezember 2022 kurzzeitig vermehrt Turmfalken, hauptsächlich Jungvögel geschwächt oder mit einem „Scheiben-Anflugtrauma“ in die Pflegestation aufgenommen wurden.
Ein Anflugtrauma erleiden Greifvögel meist durch die Kollision mit Glasfassaden oder Fensterscheiben unserer Häuser. Das größte Risiko besteht bei Jagdflügen auf Kleinvögel. Dabei fliegen sie mit hohen Geschwindigkeiten und schätzen die Situation falsch ein. Doch viel häufiger erleben sie eine optische Täuschung, da sich in den Scheiben die rückwärtige Landschaft spiegelt. Das hat fatale Folgen und oft bezahlen sie dabei mit ihrem Leben. Meist sind Sperber von solchen Szenarien betroffen, da sie hauptsächlich andere Vögel als Beute bevorzugen. Und in den Wintermonaten finden sie diese häufiger in unseren Garten- und Parkanlagen, weniger in der freien Fläche oder Wäldern.
Wenn nun Mäusejäger wie die Turmfalken vermehrt mit solchen Anflugverletzungen aufgefunden werden, lässt dies die Vermutung zu, dass sie aus einer veränderten Nahrungssituation und einer Not heraus, für einen bestimmten Zeitraum ihr Verhalten und ihre Beute ändern mussten.
So konnte J. Hörig zusätzlich zur Situation in der Pflegestation beobachten, wie Turmfalken auffällig oft Kleinvögel gejagt haben. Und tatsächlich gab es im letzten Quartal des Vorjahres und im ersten Quartal des aktuellen Jahres merklich weniger Feldmäuse als im Jahr zuvor.
Feldmäuse bilden die Hauptnahrung von Turmfalken und vieler Greifvogel- und Eulenarten.
Zeitlich verzögert ereilte ein solches Schicksal auch einige Mäusebussarde. Auch sie wurden stark unterernährt aufgefunden und mussten deshalb in die Pflegstation aufgenommen werden.
Die Übereinstimmung des Alters bei den Falken und Bussarden lässt vermuten, dass die Kombination aus Mangel geeigneter Beutetiere und die Unerfahrenheit der Jungtiere Ursache für einen solchen Umstand gewesen sind.
Die wenigen Beobachtungen reichen natürlich nicht für gesicherte Aussagen. Dazu müssten flächendeckend und über einen längeren Zeitraum Daten erhoben werden.
S. Ulbrich, Regionalkoordinatorin der Webseite „ornitho.de“ war beim Austausch der Naturschützer ebenfalls dabei. Vom Thema gepackt hatte sie wenige Tage später, anhand von Daten der ornithologischen Webseite ein Diagramm erstellt, welches das Ganze aussagekräftiger machte.
Ornitho.de ist eine Plattform, auf der Beobachter unter anderem einzelne Individuen, Brutplätze und Zugrouten von Vögeln punktgenau verorten können.
Das Diagramm untermauerte tatsächlich die Beobachtungen von Holfter und Hörig. Denn Ende 2022 und Januar 2023 wurden weniger Turmfalkenbeobachtungen gemeldet, als noch im Jahr 2021.
Gleichzeitig weißt die Grafik jedoch auf einen kurzen Trend hin, da bereits im Februar mehr Turmfalken zu verzeichnen waren. Wahrscheinlich kamen einige aus den nördlichen Gebieten zurück, um sich nun in den hier verfügbaren Revieren zu etablieren.
Auch wenn Turmfalken allenfalls Mittelstreckenzieher sind, können sie bereits in ihrem Geburtsjahr beachtliche Strecken zurücklegen. So konnte sich der Beringer G. Ehlers über eine Rückmeldung von der Beringungszentrale Hiddensee freuen. Dort ging eine Meldung einer Ringablesung aus Schweden ein. Ein Falke wurde von ihm im Juli 2021 in Leipzig als Jungvogel beringt und konnte 14 Monate später als Brutvogel in Schweden identifiziert werden.
Ein anderer Falke wurde im Mai 2020 von B. Holfter beringt und ist innerhalb von sechs Monaten von Deutschland nach Afrika geflogen. Man hatte ihn 12 km vor Aleg, einer Kleinstadt in Mauretanien wiederentdeckt und seine Nummer am Ring abgelesen. Allerdings war das Tier tot, als es entdeckt wurde.
Trotz des traurigen Umstandes war es ein bemerkenswerter Flug.
Bei der Erfassung von Vögeln über die Beringungszentrale Hiddensee, war dies der zweitweiteste Turmfalkenflug seit 1964. Auf Platz Eins hat es ein Falke geschafft, der in Mali – Afrika wiederentdeckt wurde.
Insgesamt wird am Beispiel der Falkenbeobachtung deutlich, wie wichtig die Arbeit der einzelnen Naturschützer ist. Denn wenn bereits kleine Veränderungen wahrgenommen werden, können auch langfristige oder gravierende Veränderungen registrieren werden. Und so können schneller effektive Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.
Autor: Jens Hörig
März, 2023